“Und das Blut fliesst ueber die ganze Welt und bringt neue Blumen hervor” –
Acteal vier jahre nach dem Massaker
Schon bei der Ankunft in dem Oertchen im chiapanekischen Hochland mahnt eine
Gedenkskulptur an das hier Vorgefallene: 1997 ueberfielen lokale
Paramilitaers die vollbesetzte Kirche und toeteten auf grausame Weise 45
Personen,
mehrheitlich Frauen und Kinder. Es war der bislang schlimmste Angriff auf
die
chiapanekische Indigena-Bewegung der Neunziger Jahre. Durch Ausbildung und
Bewaffnung der Taeter traegt die mexikanische Bundesarmee und damit die
Regierung
massgebliche Verantwortung fuer das Verbrechen beteiligt.
Die BewohnerInnen Acteals waren und sind bei den Abejas organisiert, den
“Bienen”, einer z.Z. ca. 5000 Personen umfassenden Bewegung, die die
Forderungen
der in der selben Region taetigen zapatistischen Guerilla teilt, aber ihren
Widerstand ausschliesslich gewaltfrei praktiziert.
Acteal besteht heute aus den Ueberlebenden der sieben bereits damals
ansaessigen Familien und sechzehn weiteren Familien, die von Militaers oder
paramilitaerischen Gruppen aus ihren Heimatgemeinden vertrieben wurden und
beschlossen haben, nicht dorthin zurueckzukehren. Saemtliche dieser Familien
haben
Todesopfer unter ihren Angehoerigen zu beklagen. Einige der Moerder von
damals –
es handelt sich um bekannte Gesichter – leben immer noch unbehelligt in der
Umgebung.
Was gibt diesen Menschen die Kraft, in diesem Zustand schwerster
Traumatisierung, und fortwaehrender Bedrohungs, weiterhin konsequent bei
ihren
Forderungen zu bleiben?
Antworten finden sich am 22.12., dem vierten Jahrestag des Massakers, an dem
die jaehrliche Gedenkveranstaltung stattfand, zu der sich ca. 1000 Menschen
regionaler, nationaler und inernationaler Herkunft in der Gemeinde
einfanden.
Das Programm reichte von einer Prozession ueber kaempferische Redebeitraege
bis zu einem Theaterstueck, in dem die DorfbewohnerInnen das Geschehene
verarbeiteten. Abends ging die Veranstaltung in ein Volksfest mit
traditioneller
Tanzmusik ueber. Viele Gaeste zeigten sich von der Reibungslosigkeit der
Organisation und der Gelassenheit der Athmosphaere waehrend der
Veranstaltung
beeindruckt.
“Das Fest ist wichtig fuer mich”, sagt eine Ladenbesitzerin in Acteal, “ich
habe einen Teil meiner Familie verloren und es tut gut zu wissen, das ich
damit nicht alleine bin”.
Die vielfaeltige Hilfe, die dem Dorf seitdem zuteil wurde, ist wohl ein
Faktor, der den Menschen hier hilft, ihren Schmerz zu ueberwinden. Mariano
Perez
Vasquez, dem Presidenten der Abejas zufolge, veranlasste eine Welle
nationaler und internationaler Proteste die mexikanische Regierung zu
umfangreichen
Hilfsangeboten. Diese wurden zumindest in Gestalt von Strom- und
Wasserversorgung auch angenommen. Verschiedene auslaendische NRO kuemmern
sich um die
Verbesserung von Gesundheits- und Bildungsversorgung. Staendig sind
internationale BeobachterInnen anwesend, die, so Perez, durch ihre Praesenz
neue
Uebergriffe von Militaer und Paramilitaer verhindern helfen. Die
BewohnerInnen
unterhalten Beziehungen zu den verschiedensten internationalen
Organisationen und
haben in Vortragsreisen weltweit Zeugnis ueber das Massaker abgelegt.
Waehrenddessen sind die Abejas dabei, ihre eigenen Gesundheits- und
Bildungsstrukturen sowie eine eigene Vermarktungsstruktur fuer organisch
angebauten
Kaffee aufzubauen.
Man kann wohl sagen, dass hier die internationale Zivilgesellschaft in
sinnvoller Weise die Kaempfe der lokalen Bevoelkerung unterstuetzt, die
ihrerseits
wachsam ist gegenueber Bevormundung und Bestechungsversuchen. Die Zukunft
der chiapanekischen Indigenabewegung angesichts der aggressiven neoliberalen
Politik der mexikanischen Regierung ist allerdings noch ungeschrieben.
Traurig ist auch, dass es erst nach derartigen Verbrechen zu
Unterstuetzungsleistungen kommt, waehrend andernorts in Chiapas die
Ausbeutung und
Unterdrueckung der Indigenas ihren ganz alltaeglichen Lauf nimmt. |